Widersprechen

Nein, es ist noch nicht genug darüber geredet worden!

Man hört von so mancher Seiter dieser Tage, dass man eigentlich nichts mehr über das Flüchtlingsthema, die Diskussion über Nazis oder Nicht-Nazis und was man nun sagen dürfe und was nicht, hören wolle.
Aber ich meine wir müssen weiter und weiter darüber reden, widersprechen und Stellung beziehen, solange da draußen der braune Mob weiter tobt!

Ich bin echt geschockt und erschrocken, was sich in Deutschland rund um das Thema Flüchtlinge tut.
So ungefähr stelle ich mir das auch in der Anfangszeit des dritten Reichs vor, als das Regime noch nicht totalitär war und die Judenverfolgung noch nicht so offen.
Stück für Stück diskriminieren, bis die Stimmung richtig aufgeheizt ist und schon wird alles toleriert.

In Deutschland wird zum Teil systematische Hetze (und nichts anderes ist es) betrieben, dass es einen erschauern lässt.
Und dabei wird vom ältesten Propagandamittel und Diskriminierungstilmittel aller Zeiten gebrauch gemacht: Der Suggestion!
Sie dient dazu Dinge nicht wirklich auszusprechen, aber dafür zu sorgen, dass schon der gewünschte Inhalt ankommt.

Nehmen wir ein Beispiel: “Der Wirtschaftsflüchtling”.

Was bitte schön sind Wirtschaftsflüchtlinge??
Der Eindruck, der vermittelt werden soll und wohl auch oft so ankommt ist doch:

  • Ein Gutverdiener in irgendeinem dritte Welt-Land denkt sich: “ach, geh ich mal nach Deutschland, da verdient ich locker 2 Tausender mehr im Monat !
    Steigt in den Flieger, winkt mit dem Asylantrag und wird mit Geld und Leistungen in Deutschland überhäuft, so dass er vor lauter Wohlstand aus dem Lachen gar nicht mehr rauskommt.
  • Oder:  irgendein stinkfauler Brocken irgendwo in der Welt sagt sich: “geh ich mal nach Deutschland, da krieg für nix tun Hartz Vier. Da geht’s mir prima.. Passt schon…”
    Steigt in den Zug, kommt nach Deutschland und wird mit Geld und Leistungen in Deutschland überhäuft, so dass er vor lauter Wohlstand aus dem Lachen gar nicht mehr rauskommt.

In jedem Fall soll aber doch damit der Eindruck vermittelt werden, dass sich hier jemand hinterhältig und ohne wirklich Not bei uns selbst bereichert.
Es geht ihm darum, dass es ihm besser geht. Aber echte Not oder Zwänge gibt es eigentlich nicht. Es ist ein Egoist, der auf Kosten anderer etwas will.

Wenn man mal für sich selber darüber nachdenkt kommt man eher zu dem Schluss, dass da irgendwo auf der Welt sehr arme Menschen sind, die kaum genug zu Essen haben. Die ihre Kinder Zum Beispiel nicht zur Schule schicken, weil die Kinder für den Lebensunterhalt der Familie mitarbeiten müssen. (Zum Beispiel in der Textilfabrik, deren ultrabilligen Produkte wir dann ganz happy bei KiK kaufen…)
Die sich vielleicht irgendwann sagen: “Wenn wir hierbleiben, wird es unseren Kindern genauso gehen, wie uns und deren Kindeskindern ebenso. Wir müssen irgendwohin gehen, wo man wie ein Mensch leben kann und unseren Kindern eine lebenswerte Zukunft geboten wird”.

Und dann wandern die wochenlang durch Afrika oder andere Länder, schippern auf einem Seelenverkäufer über das Mittelmeer, nehmen jede nur denkbare Entbehrung auf sich und schaffen es irgendwann zu uns.
Da steht man (ich) doch staunend davor und fragt sich, wie die das geschafft haben, was haben die auf sich genommen, nur um da raus zu kommen?!

Und das sind dann Wirtschaftsflüchtlinge??
DAS SIND ARMUTSFLÜCHTLINGE!

Dann kommen die hier an und plötzlich stehen da stolze deutsche Bürger, die erst mal klar machen: ich hab nix geleistet in meinem Leben, aber ich bin deutsch, also in jedem Fall besser als du und auch mehr wert als du.
Was soll einem da noch einfallen??

Was soll man für erklärende Worte gegenüber einem Kriegsflüchtling finden, der mit Mühe sein Leben und vielleicht das seiner Lieben gerettet hat und in Deutschland plötzlich erneut um sein Leben fürchten Muss?
Der vor einem sinnentleertem betrunkenen nichtsnutzigem Pöbel steht, der nur in der Gruppe stark ist und ihn bespuckt, beleidigt und angreift?

Ich schäme mich” reicht da nicht mehr aus. Und auch wenn Vergleiche mit Vergangenheit schwierig sind, weil es auch in meinen Augen keine Schuld meiner Generation mehr gibt, so tragen wir doch in Deutschland die Last der Verantwortung aus der Vergangenheit.
Und dieser Mob regiert auf der Straße genauso wie es die Nazis getan haben.
Und unsere Verantwortung aus der Vergangenheit ist zu Wiedersprechen, Stellung zu beziehen!

Genauso schlimm sind die kleinen Türöffner für Rassismus: “Man wird doch noch sagen dürfen…”; Wir haben doch selber viele Obdachlose, um die wir uns erst mal kümmern sollten” und so weiter und so weiter..
Ca. 80% aller Sätze, die ich gehört oder gelesen habe, die so angefangen haben, endeten in latentem oder offenen Rassismus!

Das schlimme an diesem Alltagsrassismus ist, dass er irgendwann abstumpft, er wird immer schlimmer und mit jedem schlimmer werden ist die Stufe vorher schon irgendwie halbwegs akzeptiert.
Waren früher Worte noch schlimm und haben Widerspruch erzeugt, ist es doch heute schon fast nicht mehr schlimm, wenn ein leeres Flüchtlingsheim abbrennt. Eine Demo mit Naziparolen vor eine Flüchtlingsheim ist doch eigentlich nicht zu schlimm, weil keiner zu schaden kommt….
Und so weiter und so weiter.
Die Spirale von den Dingen, die plötzlich möglich sind dreht sich immer schneller und immer steiler nach oben.

Und um im Beispiel zu bleiben: Aber ja, man darf über die Flüchtlinge und wie wir mit ihnen umgehen sollen reden, denn sie stellen uns in der Tat vor ein nicht unerhebliches Problem.
Aber bei all dem Reden (und handeln) gilt ein Grundsatz unverrückbar, quasi eine der größten Lehren aus dem Dritten Reich:

Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist  Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen  Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens  und der Gerechtigkeit in der Welt.

Es ist unser aller Aufgabe inklusive aller staatlichen Organe, diese Unantastbarkeit zu gewährleisten.
Der Staat muss mit staatlicher Gewalt gegen die Verletzung dieser Artikel vorgehen und wir müssen alle ächten, die dagegen verstoßen.

Es ist immer einfach, einem Politiker Vorwürfe zu machen, wenn er oder sie sprachlich dagegen verstößt, weil man von den wahlkorrumpierten Machtmenschen ohnehin nichts anderes erwartet, aber im privaten Freundeskreis oder auf Facebook ist das dann schon anscheinend schwieriger oder?

Will man denn immer derjenige sein, der bei irgendwelchen kleinen Bildchen in Facebook darauf hinweist, dass die Quelle eine rassistische Seite ist, die auf billigen Aufmerksamkeitsfang geht?
Will man derjenige sein, der immer wieder die gleichen Dinge korrigiert und damit so langsam allen auf den Geist geht?
Will man wirklich Leuten sagen, dass man nichts mehr mit ihnen zu tun haben will, wenn sie so elementare Grundsätze nicht akzeptieren, wo sie doch sonst eigentlich rundum nett sind?

Will man so einer sein??

JA und wieder JA!
Es gibt nur eines, was wir immer und immer wieder tun müssen: Widersprechen und Stellung beziehen.
Vielleicht sogar einmal darauf hinweisen, dass es einen langen Zusammenhang zwischen Not und Elend an vielen Stellen der Welt und unserem Wohlstand gibt.
Klarmachen, dass unser Deutschland ein anderes ist!

Also: Widersprecht und bezieht Stellung!

Tja Blockupy, das war’s leider

markus_grimmigIn Frankfurt konnte man erstklassig und live miterleben, wie eine eigentlich gute und sinnige Bewegung sich selber ins Abseits schießt. Wegen der Krawalle?
Nein, die kann man Blockupy wohl eher nicht vorwerfen. Denke nicht, dass sie irgendetwas tun hätten können, um die Ausschreitungen zu verhindern.

Sie haben sich hinterher abgeschafft: als sie zuließen, dass ihre Sprecher die Dinge relativiert haben.

Natürlich war jeder gegen Ausschreitungen, aber es war immer ein Satz mit Komma und Aber. Und damit disqualifiziert sich diese Bewegung für die gemäßigte Mitte, die es nun mal braucht, wenn man wirklich eine Bewegung auf die Beine stellen will, die etwas verändert.
Es gibt neben Komma auch den Punkt und das Ausrufezeichen in der deutschen Sprache. Hätte man eines dieser Satzzeichen nach einer Ablehnung der Ausschreitung benutzt, alles wäre gut gewesen.
Dann hätte es eine politische Bewegung auf der einen Seite gegeben und gewalttätige Chaoten auf der anderen Seite. Und jedem wäre klar gewesen, dass die einen nichts mit den anderen zu tun haben wollen.

Wenn man aber ängstlich auf das pseudointellektuelle Linkspublikum schielt und versucht auch diesem nach dem Mund zu reden, bleibt man eben in einer bestimmten Ecke stehen. Und das mit recht!
Schade für den überwiegenden Teil der Demonstranten, die ein berechtigtes Anliegen haben und einer berechtigten Sorge demokratisch Ausdruck verleihen wollten. Sie stehen jetzt mit in der Schmuddelecke.

Dann noch ein Wort zu den Chaoten, die für die Gewaltausbrüche verantwortlich sind. Das sind keine  – wie oft zu lesen wahr – Krawallbrüder!

Krawallbrüder sind Leute, die meinetwegen Gegenstände zerstören, was an sich auch schon schlimm genug ist.
Das sind stinknormale Gewalttäter, die in den Knast gehören. Und nicht mehr. Es gibt hier keine politischen Aktivisten oder Leute, die dem Staat den Krieg erklären, sondern nur besonders üble Kriminelle und nicht mehr.
Irgendwelche pseudointellektuelle Rechtfertigungen für solche Vorgänge waren schon zu Zeiten der RAF lächerlich.

Es braucht auch keine neue schärfere Gesetzgebung, wie man jetzt reichlich hören kann. Für solchen Leute haben wir genügend Gesetze.

Wenn jemand vor mir steht und versucht mir einen Pflasterstein an den Kopf zu werfen, darf ich wohl davon ausgehen, dass er versucht, mich mindestens schwer zu verletzen, wenn nicht gar zu töten.
Wieso sollte das was anderes sein, er das mit einem Polizisten probiert?
Wenn jemand einen Molotowcocktail auf ein Auto wirft, in dem ich sitze, darf ich wohl davon ausgehen, dass er versucht mich zu töten.
Wieso sollte das was anderes sein, wenn in dem Auto ein Polizist sitzt?

Also finde ich, jeder der habhaft gemacht werden kann, bekommt keine Strafe wegen schweren Landfriedensbruch, sondern eine wegen vorsätzlicher versuchter oder vollendeter schwerer Körperverletzung oder wegen vorsätzlich versuchten Mordes oder Totschlag!
Auf jeden Fall nicht den Ritterschlag Landfriedensbruch, sondern einfachen Knastalltag für eine lange Zeit!
Und gut ist.
Neue Gesetze braucht keiner!

Randnotiz: Das lustige an den Chaoten ist ja, dass sie

  1. Den Kapitalismus ablehnen aber großteils in schicken Markenklamotten rumrennen (Auch schwarze Uniformierung will ja stylish sein…)
  2. Unser System natürlich komplett ablehnen, aber fast jeder die Nummer eines Anwaltes in der Tasche hat, für den Fall, dass er festgenommen wird und man sich auf seine systemisch verbrieften Rechte berufen muss…
  3. Sie dem Staat den Krieg erklären, aber heulen wenn der Staat dann auch mal entsprechend fest zurückhaut….

Kurz gesagt: Mir tut es leid für Blockupy, aber man muss sich halt die Leute aussuchen, denen man nachläuft und diese Bewegung, wie so viele vorher, ist den falschen nachgelaufen und wird den Preis dafür bezahlen.

70 Jahre Ausschwitz

70 432459_web_R_by_Michael Werner Nickel_pixelio.deJahre ist es nun her, dass die Sowjets das KZ Ausschwitz befreiten.
Und fleißig wird heute am Beispiel Ausschwitz diskutiert, dass dies die Schande unsere Großelterngeneration ist, mit der wir nichts mehr zu tun haben.
Schließlich gibt es keine Sippenhaft!

Faktisch ist das sicherlich richtig. Wer wollte mir ankreiden, was meine Großeltern vielleicht getan oder auch nicht getan haben.
Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht mal, weil wir nie darüber geredet haben…

Aber ich für mich sehe das ein wenig anders:
Ich trage keinerlei persönliche Schuld für irgendwas. Ich muss mich weder für meine Großeltern, noch für meine Elterngeneration vor irgendwem rechtfertigen. Was immer sie getan haben, ist ihre ureigene Schuld oder auch Unschuld.

Auch als Deutscher sehe ich mich nicht unbedingt in der Schuld, aber in der Verpflichtung der Vergangenheit!

Man kann nicht einfach ausblenden, was hier passiert ist und eine abstrakte Frage von Schuld oder nicht Schuld diskutieren.

Es wäre komisch oder falsch zu sagen, ich würde es jedem „empfehlen“ einmal ein KZ zu besuchen, aber jeder sollte es tun, wenn die Möglichkeit dazu besteht.
Ich war während der Schulzeit im KZ Theresienstadt zu Besuch und da wird das Grauen sehr schnell sehr konkret. Wenn man die Baracken sieht und und einmal in ihnen steht, wird plötzlich furchtbar real, was vorher abstrakte Diskussion war.

Das lässt einen normalen Menschen eigentlich sein Leben lang nicht mehr los.
Insbesondere die Frage: Was waren das für Menschen, die anderen so etwas antun konnten?
Eine richtig befriedigende Antwort hat bis heute niemand darauf gefunden, bis auf: Es waren Leute wie du und ich. Der ehemals nette Nachbar von nebenan hat plötzlich Menschen vergast und fand das auch ok so.

Und was hat das alles mit heute zu tun?

Nun, auch die Nazis haben nicht am Tag eins Menschen Vergast, sondern sie haben Stück für Stück eine Stimmung erzeugt, die das später möglich gemacht hat.
Stück für Stück haben sie Ablehnung und Diskriminierung von Religionen und einzelnen Volksgruppen erzeugt und die Bevölkerung damit geimpft.

Und dies ist die Gefahr, die ich heute auch bei uns sehe. Ich befürchte nicht, dass wir wieder KZ’s bauen und Menschen millionenfach in den Tod schicken, denn dann würde uns hoffentlich vorher die Weltgemeinschaft zurück in die Steinzeit bomben, aber ich befürchte, dass Diskriminierung und dumpfe, unreflektierte Ablehnung von Volksgruppen und Religionsgemeinschaften dazu führt, dass es der Mehrheit bestenfalls eben egal ist, was mit anderen Volksgruppen und Religionen irgendwo auf der Welt passiert. Egal ob bei uns oder weit weg. Und schlimmstenfalls sind sie nicht mehr gleichwertig. Es macht dann eben einen Unterschied, ob einem von uns oder denen etwas widerfährt…
Es sind doch dann nur „die“.

Und wir sind auf dem Weg in diese Geisteshaltung, bzw. wir ringen in Deutschland um die richtige Haltung:
Im Schatten von berechtigten Sorgen und Politikverdrossenheit stehen Woche um Woche braune Rattenfänger nicht nur in Hameln auf der Straße, sondern in der ganzen Republik und flöten uns die Sorge um unsere Kinder und Frauen angesichts der Bedrohung durch den Islam um die Ohren.

Aus Flüchtlingen werden Wirtschaftskriminelle, die uns aussaugen wollen und an den Grundfesten unserer Gesellschaft nagen.
Und ihre Saat trägt erschreckende Früchte:

  • Seit Jahren weist der Verfassungsschutzbericht steigende Zahlen bei ausländerfeindlich motivierten Straftaten aus.
  • Besonders perfide: Die steigende Anzahl von Straftaten rund um und gegen Flüchtlingsheime. Gegen die Allerschwächsten also.
  • Die Relativierung von fremdenfeindlichen Parolen mitten in der Gesellschaft. Wo sich Widerspruch erheben sollte, hört man heute oft nur ein fast anklagendes „Man wird doch wohl noch sagen dürfen….“

Und dem gilt es entgegen zu treten!

Das ist es meiner Ansicht nach, was wir aus der Vergangenheit lernen müssen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und das gilt für alle Menschen. Überall.
Meiner Ansicht nach braucht es nicht mehr, als diesen Ansatz, er enthält alles weitere. Wenn wir dies berücksichtigen, werden wir irgendwann vielleicht gemeinsam gegen alle Formen des Extremismus vorgehen und mit allen  Volksgruppen und Religionen friedlich und gleichwertig gemeinsam in einem Land leben. Das wird nicht immer frei von Konflikten sein, aber unter Berücksichtigung dieses Leitsatzes werden sie vernünftig beigelegt.

Und deshalb müssen wir auch heute noch den Kindern Ausschwitz nahe bringen. Es muss jedem klar sein, was aus einer kleinen unbedeutenden dummen Bewegung mit dummen Menschen damals geworden ist: Das größte jemals von Menschen hervorgebrachte Grauen.

 

Bildquelle: © Michael Werner Nickel  / pixelio.de