Klartext bitte!

Angesichts des aktuellen Zwischenfalls in Kundus, bei dem amerikanische Bomber auf deutsche Aufforderung hin zwei Tanklastwagen bombardiert haben und dabei wahrscheinlich um die 140 Zivilisten getötet haben, will ich einmal etwas loswerden, was mir schon länger und in verschiedenen Kontexten aufgefallen ist:

Kaum ein Mensch scheint mehr Klartext zu reden oder zu schreiben.

Wir sprechen immerzu von einem Einsatz in Afghanistan, vielleicht sogar mal von einem robusten Mandat oder ähnlichem. Das ist ein Krieg! Und nichts anderes. Warum nennt das niemand in der Presse und im Fernsehen beim Namen?  Auch haben wir dort keine Kollateralschäden, sondern es sind Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder getötet worden. In die Luft gesprengt, erschossen, zerrissen und zerfetzt.

Nicht das ich falsch verstanden werde: Ich will hier keine Wertung über den Krieg oder diesen speziellen Bombenangriff abgeben. Ich habe dazu zwar eine Meinung, aber die ist hier gar nicht Thema.

Was ich hier zum Ausdruck bringen will, ist, dass ich diese Weichspülerei in Wort und Bild extrem schädlich finde. Sie verklärt den Blick auf das eigentliche Geschehen und damit auch oft die tiefere Auseinandersetzung mit einem Thema, die eventuell stattfinden würde, wenn die Geschehnisse oder Umstände auch so beschrieben würden, wie sie in Wirklichkeit sind.

Ein anderes Beispiel ist der nette Begriff Prekariat, der in jeder Talkshow und in den Printmedien verwendet wird, wenn man eigentlich Arme und Armut meint. Aber Arme, ist natürlich auch schon wieder zu einfach, zu klar Beschreibend, um ihn als Ausdruck zu benutzen. Prekariat klingt da irgendwie netter, weniger aufregend.

Oder wenn man von bestimmten Tätern spricht und ihnen eine rechte Orientierung attestiert. Was soll das bitte sein? Das ist keine Orientierung, sondern das sind Nazis und Rassisten. Warum spricht man es nicht aus, wie es ist?

Warum passiert diese Verharmlosung, ich würde schon fast von Verniedlichung sprechen, immer wieder? Ich stehe dem wirklich ratlos gegenüber.
Ich bin kein Freund von Verschwörungtheorien, aber es drängt sich mir der Eindruck auf, dass man durch geschickte Wahl der Begriffe, die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen umgehen will. Ich meine, Prekariat, also da diskutiert man doch höchstens im intellektuellen Zirkel drüber, aber der normale Mensch braucht doch erst mal Wikipedia, um ihn überhaupt zu verstehen. Und wenn einem der explosive Inhalt bestimmter Begriffe nicht präsent ist, dann werden sie auch keine Emotion und damit auch keine umfassende Diskussion auslösen!

Mir ist auch nicht klar, warum da alle Medien so brav mitmachen. Wir haben doch eigentlich eine gute Presse- und Fernsehlandschaft. Wer setzt diese sprachliche Gleichschaltung durch? Kann mir das einer erklären?

Meine Bitte an die lieben Mitmenschen, mehr aber noch an die lieben Menschen von der Presse, egal ob Print, Radio Fernsehen oder Internet: Besinnt Euch auf Euren Beruf, den Ihr mal gelernt habt und nennt die Dinge endlichen wieder beim Namen. Ansonsten seit Ihr eigentlich keine Journalisten, sondern nur noch Handlanger bestimmter Interessengruppen!

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5 Gedanken zu „Klartext bitte!

  1. > aber es drängt sich mir der Eindruck auf, dass man durch geschickte
    > Wahl der Begriffe, die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen
    > umgehen will

    Exakt so ist es. Außerdem möchte man sich nicht angreifbar machen. Ich bin der Meinung, man muß „Scheiße“ auch mal als solche benennen. Und tatsächlich mache ich das auch. Stößt nicht immer auf spontanen Beifall.

  2. Heute scheint es leider wichtig zu sein, sich möglichst politisch korrekt zu verhalten.
    Und am Ende klingen dann eben alle wie Politiker.

  3. >Begriff Prekariat,

    durch die Wahl der Umschreibungen klingt nicht alles so brisant.

    Denke mal, dass dieses n voller Absicht so geschieht.

    >Nicht das ich falsch verstanden werde: Ich will hier keine Wertung >über den Krieg oder diesen speziellen Bombenangriff abgeben

    Ich aber. Es ist Krieg. Wir haben dort militärisch nichts zu suchen.

  4. Ich bin auch für klare Worte.
    Es ist Kreig dort unten – nichts anderes.

    Vielleicht will man nur wieder den Bürger für dumm verkaufen…

  5. Sicher wird in vielen Fällen allein durch Wortwahl beschönigt. Aber die Gründe sind vielfältig. Zum einen drückt sich hier immer eine politische Einstellung aus und auch die Seite, auf der der Schreiber steht.
    Bleiben wir bei Afghanistan. Für die Menschen dort ist es Krieg. Auch für die Soldaten, die dort sind. Aber für die Menschen hier? Es würde wohl kaum einer von uns sagen, daß Deutschland mit Afghanistan im Krieg ist. Da vermischen sich objektive und subjektive Sichtweisen.
    Prekariat? Hier könnte man auch ketzerisch sagen, daß in Deutschland niemand wirklich arm ist.
    Und irgendwo da liegt für meine Begriffe auch das Problem. Niemand von uns kennt das wirklich harte Leben und einen echten Existenzkampf. Und das will auch kaum einer. Mit den soften Worten halten wir die harte Wirklichkeit von uns fern. Und das hat sicher auch etwas mit der Fülle der Informationen zu tun. In vielen Teilen der Welt ist in irgendeiner Form Krieg. Wie soll ich damit umgehen? Außerdem wurde dieses Wort inzwischen so oft benutzt, daß es eigentlich schon abgenutzt ist.
    Ich verstehe Dein Anliegen durchaus. Aber ich fürchte fast, auch eine härtere Wortwahl würde nichts ändern. Der Mensch stumpft ab. Muß er auch, weil jeder Mensch mit Gewissen würde in der heutigen Zeit sonst durchdrehen.

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