Pariser Tagebücher

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Eigentlich finde ich, dass Beiträge über Bücher von anderen Leuten geschrieben werden sollen, eher nicht von mir, denn es gibt Leute, die haben das gelernt und können das auch richtig gut.

Allerdings kann es passieren, dass man ein Buch liest und es geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Und dies ist mir mit dem Buch Pariser Tagebücher von Helen Behr ergangen. Ein phänomenales Buch und ich war mir sicher, man müsste nie wieder ein Wort darüber verlieren, weil es sich über Mundpropaganda verbreiten würde, wie ein Lauffeuer und nicht zuletzt, weil ich dachte, dass es in den Schulbetrieb Eingang finden würde. Nun, wenn ich mir die Verkaufszahlen so ansehe, muss ich erkennen, dass ich daneben lag, weshalb ich zumindest die paar Leser, die ich hier so habe, auf dieses Buch hinweisen möchte.

Wie bereits erwähnt: das Buch heißt Pariser Tagebücher und ist von Hélène Beer. Es ist in der Tat ein Tagebuch und zwar das einer jungen einundzwanzig jährigen jüdischen Frau während des dritten Reiches in Paris.

Natürlich denkt man jetzt sofort an Anne Frank. Und im ersten Moment ist der Gedanke auch richtig, weil beide Tagebücher den gleichen erschütternden Inhalt haben und beide Verfasserinnen von den Nazis ermordet wurden.

Und doch ist dies Buch anders.

Anne Frank war ein Mädchen auf dem Sprung in die Pubertät, Hélène Beer eine junge Frau, eine Intellektuelle die in Paris Literatur studiert . Das macht einen großen Unterschied aus. Nicht nur, dass die Gedankengänge, die eines Erwachsenen sind, auch ist ihre Art zu schreiben um vieles Eindringlicher für mich.  Ich weiß nicht, ob es angebracht ist, von ihrem Schreibstil zu sprechen, aber Tatsache ist, sie schreibt in literarisch eindringlicher Weise. Bei einem Roman würde man das lobend hervorheben, bei einem Tagebuch wie diesem scheint es fast unangebracht, aber gerade wegen ihres Schreibstiles wird das Erlebte so eindringlich finde ich.

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Bloß, wenn ich es trage, will ich immer sehr elegant sein und sehr würdevoll, damit die Leute sehen, was es bedeutet.
Ich will das tun, was am mutigsten ist. Heute Abend glaube ich, es zu tragen ist am mutigsten.
Bloß, wohin soll das alles führen?

– Hélène Beer zum Judenstern –

Man könnte sagen, dass das Buch zweigeteilt ist: Der erste Teile geht  bis 1942 und der zweite von 1943 bis kurz vor ihren Tod.

Im ersten Teil ist es fast ein reines Tagebuch ohne große Reflektionen. Sie beschreibt ihren Tagesablauf im besetzen Paris. Sie schildert Ihre Verliebtheit, ihre Familie und ihr Umfeld. Das Grauen bricht in diesen Teil des Tagebuches nur ab und an herein, wird  aber auch dann eher in nüchterner beschreibender Art festgehalten. Es könnte fast das Tagebuch jeder x-beliebigen jungen Frau sein.

Ausnahmen in diesem Teil des Tagebuches sind das neue Gesetz der Deutschen, nach dem Juden den Judenstern zu tragen haben und die Verhaftung Ihres Vaters.
Ihre Beschreibungen zum Umgang mit dem Judenstern sind eindrucksvoll und zeugen von dem Mut und dem Stolz, aber auch der Verzweiflung dieser eindrucksvollen jungen Frau.
Als ihr Vater verhaftet wird, beschließt sie das Tagebuchschreiben einzustellen.

Als sie es wieder beginnt, hat sich der Schreibstil und der Mensch dahinter geändert. Sie ahnt ihren Tod voraus und beginnt ihre Eindrücke für ihren Verlobten nieder zu schreiben, dem sie etwas hinterlassen möchte. Zwar schreibt sie im eigentlichen Sinne immer noch Tagebuch, aber die einfache Schilderung ihres Tagesablaufes weicht mehr und mehr einer Reflektion über ihr Leben und ihr Umfeld.

 

Das ist die Grundlage des Bösen; und die Macht, auf die sich das Regime stützt.Das eigene Denken, die Reaktion des individuellen Gewissens zerstören, das ist der erste Schritt des Nazismus

– Hélène Beer –

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Es sind diese Reflektionen und Gedanken einer jungen Frau, an Leib und Leben bedroht, die mich das Buch immer wieder aus der Hand haben legen lassen, weil es irgendwie zu wenig Hass darin gibt.

Klingt etwas merkwürdig, wenn fehlender Hass irritiert, aber angesichts der Lebensumstände dieser jungen Frau, wäre Hass doch das natürlichste aller Gefühle, welches man erwarten würde.
Aber man sucht ihn ihn vergebens.
Statt dessen versucht sie zu verstehen, was Menschen wie den Nazi im dritten Reich so werden lässt, wie er ist und was man tun müsste, damit er erkennen könnte, wie falsch sein Tun ist.
Und wieder, insbesondere im zweiten Teil des Buches kommt man nicht umhin, auch die literarischen Qualitäten des Tagebuches zu bewundern. Hélène Berr hatte eindeutig Talent zum Schreiben und das findet sich leider nur in diesem am Ende doch grausigen Zeitdokument wieder.

Ich kann dieses Buch jedem nur wirklich ans Herz legen. Es ist großartig, beeindruckend, erschütternd, aufbauend, Mut gebend und noch vieles andere  mehr. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein Buch gelesen habe, das mich so bewegt hat.

Ich vergesse, dass ich ein posthumes Leben führe. Es sind nicht mehr viele Juden in Paris

– Hélène Beer –

Hier einige Pressestimmen:

„Eine junge französische Jüdin schildert das Leben unter den Nazis in Paris. Ihr Tagebuch, erst jetzt veröffentlicht, ist ein Dokument der Würde und Menschlichkeit“ Romain Leick, Der Spiegel, 02.02.09

„Die Schönheit [des Tagebuchs] liegt vor allem in der darin sich zeigenden Frauengestalt. Hélène Bèrrs Unbeirrbarkeit, dem nahestehenden Unheil entgegenzublicken mit einer Mischung aus Heldenmut und Demut, lässt an die Philosophin Simone Weil denken. […] Sie ist die französische Anne Frank. Ihr Journal ist der berührende Zeugenbericht einer starken Frau.“ Joseph Hanimann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.09

„Ein erschütterndes Dokument. Man wird es in Zukunft in einem Atemzug mit dem Tagebuch der Anne Frank nennen müssen: das Zeugnis der Schönheit der Seele in schwarzer Zeit.“ Martina Meister, Die Zeit, 05.02.09

„Ein großes Dokument der Selbstbehauptung. […] Dieses Tagebuch ist eine literarisch anspruchsvolle Schilderung jüdischen Lebens und Leidens im von den Deutschen besetzten Paris, […] das erschütternde Protokoll eines Abstiegs aus großer Geborgenheit in die Hölle.“ Johannes Willms, Süddeutsche Zeitung, 17.02.09

„Man hat Ähnliches auch von Anne Franks und Victor Klemperers Tagebüchern gesagt: Diese unerträgliche Mischung aus normalem Alltagsleben, Himbeersafttrinken, den Ausflügen in die Natur, dem Geigenspiel, dem „hinreißenden Herbstwetter“ einerseits – und dem täglichen Horror andererseits.“ Peter Stephan Jungk, Die Welt, 21.02.09

„Erschütternd, klug, unfassbar, schön: Hélèn Bèrrs „Pariser Tagebuch“ ist Zeitdokument und literarisches Glanzstück in einem.“ Ina Hartwig, Frankfurter Rundschau, 10.03.09

Ein Aufschrei gegen die Barbarei, ein menschlich berührendes und historisches Dokument ersten Ranges.“ Ralph Dutli, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 29.03.09

„…eine so hellsichtige Beobachterin..“ Maike Albath, Neue Zürcher Zeitung, 22.04.09

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